Der Panther / ÜBERLEBEN

Tanzperformance – Der Panther / ÜBERLEBEN
Zeitgenössischer Tanz von Kindern und Jugendlichen in der Reithalle Offenburg
Projekt des "Bündnis für kulturelle Bildung", gefördert von der Initiative "Chance Tanz - Tanz in Schulen" (2016)






Seit drei Jahren haben sich unter der konzeptionellen Leitung der Kunstschule, das Bunte Haus, die Anne-Frank-Schule, die Georg-Monsch-Schule und die Erich-Kästner-Realschule zu einem Bündnis für kulturelle Bildung zusammengeschlossen. Der Schwerpunkt liegt auf dem zeitgenössichen Tanz und der Performance Art. Zum Abschluss des Tanzjahres 2015/2016 setzten 50 Kinder und Jugendliche, in zwei unabhängigen Produktionen, das Jugendtanzstück „Der Panther“ und die Kinder-Tanzperformance „ÜBERLEBEN“ auf der großen Bühne in der Reithalle in Szene. Sie zeigten beeindruckend, wie Kindern die Potentiale des zeitgenössischen Tanzes eröffnet werden können und wie gut sich kulturelle Bildung und der heutige Tanz verstehen.





„Das Leben lässt sich nicht einsperren“
Vitale zeitgenössische Tanzperformance von jungen Tänzern/innen
Fast 700 begeisterte Besucher/innen bei den beiden Aufführungen von „ÜBERLEBEN“ in der Offenburger Reithalle





Ihre Lieblinge sind fast immer Exoten: seltene Bären, lustige Vögel, gigantische Fische, Aufsehen erregende Insekten oder schrille Pflanzen und sie wissen unglaublich viel von ihnen. Doch die meisten dieser Tiere und Pflanzen stehen auf sog. roten Listen der vom Aussterben bedrohten Arten. Was wäre, wenn die Lebensvielfalt weiter abnimmt und die Monotonie alles verdrängt – immer wieder die gleichen, stupiden Bewegungen, immer wieder sieht alles gleich aus, jeder denkt wie der andere und wo bunt war wird grau?

In einem Tanzprojekt der Kunstschule Offenburg haben nun 34 Kinder im Alter von 6 – 10 Jahren tänzerisch diese Frage in den Mittelpunkt einer einstündigen Tanzperformance auf der großen Offenburger Reithallenbühne gestellt. Und ihre Antworten machen – trotz der Schwere des Themas, Mut und das Zuschauen großen Spaß.

In dem von den Tanzkünstlerinnen Rica Lata Matthes und Karolin Stächele choreografierten Stück pulsiert das Leben, kichert, keckert und wimmelt es – kindgerecht zwischen Chaos und Ordnung. Die sich immer wieder bildenden monotonen Gruppenchoreografien und langanhaltenden präzisen Wiederholungen können sich aber nicht halten. Ganz klein keimt die Bewegungsvielfalt in der sich bildenden Eintönigkeiten auf, wird größer und bunter und endet oftmals in einem barocken Wirbel. So dominant eine Form auch daherkommt, das quirlige Leben kommt listig daher und bricht sie auf – wie ein Grashalm den grauen Beton zur Natur zurückholt.





Auch das Bühnenbild lebt. Der Waldorfschüler Jakob Sachs zeichnet und malt, live von einem Beamer auf die Bühnenrückwand projiziert, ohne Unterlass entstehende und vergehende Formen, Flächen und Muster – so wie das Leben auch. Auch diese ist eine von vielen ideenreichen Atmosphären, mit denen die beiden Kunstschulchoreografinnen die Frage nach dem ÜBERLEBEN in eine von den Kindern getanzte Philosopie über’s Leben verwandeln.

Nun hoffen die Initiatoren des sog. „Bündnis für Kulturelle Bildung“ Buntes Haus, Anne-Fank-Schule, Georg-Monsch-Schule und die Kunstschule, dass es gelingt, diese vielversprechenden Projekte im zeitgenössischen Tanz auch im kommenden Jahr fortzuführen und den Bundesverband „Tanz in Schulen“, der im Rahmen der Projektförderung „Chance Tanz“ diese Projekte gefördert hat, auch für die nächsten Inszenierungen ins Förderboot zu bekommen.





Den Kokon aufbrechen
Schülerinnen und Schüler wagen sich mit zeitgenössischem Tanz zum ersten Mal auf die große Bühne.





Spiegel stehen für Selbstreflexion von Kindern an der Schwelle zum Erwachsenwerden. Foto: Christoph Breithaupt


OFFENBURG. Ein aus verschiedenen Gründen sehr spannendes Projekt hat die Offenburger Kunstschule an diesem Sonntag in der Reithalle präsentiert. Das Gedicht "Der Panther" von Rainer Maria Rilke, welches um 1902 in Paris geschrieben wurde, ist der Ausgangspunkt für die, von den Choreographinnen Rica Lata Matthes und Karolin Stächele gemeinsam mit Offenburger Schülerinnen und Schülern erarbeitete Tanzperformance.

Seit Oktober 2015 proben die 14 Jugendlichen der Erich-Kästner-Realschule, der Anne-Frank-Schule, der Georg-Monsch-Schule, dem Bunten Haus ein Stück Auseinandersetzung mit einem Thema, das in dieser Lebensphase, zwischen Kindheit und Jugend, besonders aktuell ist. Der Panther als Symbol jugendlicher unbändiger Kraft gefangen in innerer Betäubung durch Regeln, Konformismen, dem Wunsch geliebt zu werden und dennoch aufbegehren müssen, um sich selbst zu finden. Bin ich ein Außenseiter, jemand, der mit dem Strom schwimmt oder ein Aussteiger? Solche Fragen liegen dem Tanz zugrunde.

"Wer bist du?" – "Jetzt werde ich!" hallt es durch die Offenburger Reithalle. Mit dem Rücken zum Publikum stehen die Darsteller, vor sich hat jeder eine Art Spiegel, der von der Decke hängt. "Wo ist mein Platz", "Willst du die Welt verändern?" Themen, wie Krieg, Umweltverschmutzung, was unterscheidet mich von den anderen, die Erwachsene mit einem gewissen Gleichmut betrachten, werden auf die unterschiedlichste Weise tänzerisch und darstellerisch umgesetzt. In den Farben Weiß, Gold, Silber sind die jungen Tänzer gekleidet, laufen in einem großen Kreis, finden ihr eigenes Tempo, ändern die Richtung oder bleiben stehen, um innezuhalten. Elektrisiertes Zittern, ein Symbol für die Energie, die raus möchte oder die Schockwellen, die einen durch fahren, wenn der Kindheitskokon aufbricht? Was unterscheidet uns und sind Unterschiede gut? Aufbruch, den eigenen Wert und Weg finden, ganz deutlich durch das Stück "Au Revoir" von Mark Forster und Sido zum Ausdruck gebracht. Eine einzelne Tänzerin nimmt den ganzen Raum der Bühne ein – scheinbar teilnahmslos stehen die anderen am Rand. Jeder für sich, in eigenen Bewegungsabläufen die Individualität suchen. Dunkle wummernde Elektro-Beats, immer wiederkehrend ein helles "Ping", wie der Ton einer Maschine zur Kontrolle der Lebensfunktionen, wirken verstörend.

Dann kehrt Ruhe ein, und alle hören zu, als der Text des Rilke Gedichtes klar gesungen wird. Dann erklimmt ein Junge einen der Kuben, die am Bühnenrand stehen und beginnt der Text zu rappen. Alle tanzen jetzt ruckartig und auch erste partnerschaftliche Tanzansätze entstehen. Dann wird wieder mit Spiegeln gearbeitet, vier spiegeln eine(n) – verschiedene Perspektiven, die alle einen Teil des Ganzen wieder geben und eben nur ein Teil der Wahrheit sind. Aber auch Selbstverliebtheit und Selbstsicherheit können gemeint sein.

Schlussendlich ist die Bühne in türkis getaucht, als wenn sich die Tänzer unter Wasser befänden und von unten die Sonne auf der Oberfläche betrachten. Wer wird die Oberfläche durchbrechen?

Heinrich Bröckelmann, Leiter der Kunstschule Offenburg nennt es stolz eine sensible und ausdrucksstarke Arbeit. Dem Ziel, den Jugendlichen von Heute etwas über zeitgenössische Kunst zu vermitteln, ist die Kunstschule mit diesem Stück näher gekommen.

Badische Zeitung 30. Juni 2016 (Autorin: Heidi Ast)